Oreet Ashery
Selfish Road
2022, 30m

Screening: 23.–28. Nov. 2022, KW
Künstler*innengespräch: 24. Nov. 2022, KW
Online: 29. Nov. 2022 – 30. Jan. 2023, kwproductionseries.net

„Hör zu“, beginnt die Stimme im Auftakt. „Du hast nun die Bedingungen gefunden, unter denen der Wunsch deines Herzens zur Wirklichkeit deines Seins werden kann. Bleib hier, bis du eine Kraft erlangst, die sich durch nichts zerstören lässt. Dann wirst du ins Leben zurückkehren müssen und dich dort fortwährend an Kräften messen, die dir deinen Ort aufzeigen werden.“ Mit einem Zitat des armenischen Philosophen und Mystikers Georges Iwanowitsch Gurdjieff umreißt der*die erste Erzähler*in von Selfish Road eine Utopie: Wo das Einssein von Umwelt und Glaube als stete Quelle und inspirierender Prüfstein dienen könnte, um in der Welt zu leben. Doch das Gebot, „ins Leben zurückzukehren“, scheint Asherys Film durch die Rückkehr in das eigene Heimatland zu halten und erprobt darin die Verwirklichung der Utopie. Das Aufzeigen des eigenen Ortes wird zur komplexen und herausfordernden Aufgabe.

Der Weg durch Jerusalem ruft autobiografische Erinnerungen hervor, und Ashery beobachtet, wie zweierlei Gefühle von Zugehörigkeit (zum geografischen Ort wie der persönlichen Erinnerung) kontinuierlich mit komplexen, verschlungenen Prozessen der Nationenbildung, der Infrastruktur und der Landnutzung verschmelzen. Die Kamera auf das umkämpfte Land in und um Jerusalem gerichtet, bedient sich Selfish Road der Genres Science-Fiction, Stand-up-Comedy, Familienfotoalbum und dem impliziten Privileg des Slacker-Roadmovies.

Der Film ist als Quartett gegliedert. Die vier Episoden sind nach Straßennamen benannt, offiziellen, umgangssprachlichen und fiktiven. An erster Stelle verläuft die Road 90 gen Süden in eine landwirtschaftlich genutzte Wüste, entlang von Salzfabriken am Toten Meer und deren Exportrouten. Als zweites durchblättert Army Road ein Familienfotoalbum, begleitet vom Bericht der*des Erzähler*in über den ersten Tag des Wehrdiensts, gefolgt von einem Bild der Mutter als junger Soldatin und der Überlegung, „ein israelisches Familienalbum“ sei „ein militärisches Familienalbum“. Als drittes dokumentieren die Apartheid Roads (Road 4370 und Tunnel Road, auch bekannt als Road 60) großangelegte Infrastrukturprojekte, die historisches Land und historische Wohngebiete aufspalten, um so neue Grenzverläufe und besetzte Gebiete zu schaffen. Zuletzt verläuft die Civil Disobedience Road durch Teile eines antizionistischen, streng jüdisch-orthodoxen Jerusalemer Viertels. Zufällig während eines palästinensischen Wahltags im Westjordanland gedreht, dokumentiert dieses letzte Kapitel die politische Dissonanz zwischen der Gemeinde und ihren Bewohner*innen sowie an Gebäude und Mauern gemalte materielle Belege örtlichen Widerstands und menschliche Straßenblockaden am Sabbat.

Die gegensätzlichen Schnittpunkte, Schlenker und Zugänge des Films bilden ein collagiertes Porträt einer sich rasch wandelnden Landschaft. Aus dem Autofenster erblickt Ashery flüchtig die Ränder unterschiedlicher Welten, Spiegelungen wie auch mitunter Abzweigungen subjektiver Erinnerungen an die utopischen Ursprünge des Landes. Auf der unruhigen Fahrt durch geschichtliche Teilstücke und ungewisse Zukünfte bricht Selfish Road in Schlaglöcher ein, erblickt reihenweise erkrankte Kakteen entlang der Schnellstraßen, zeigt, wie spirituelle Wellness-Anwendungen industrielle Extraktion ummanteln, und folgt den Wegbeschreibungen von Navigations-Apps, die Umwege durch „hochriskante“ und „verbotene“ Gebiete vorgeben. Hochriskant für wen? Verboten aus welchem Grund? Diese überaus persönliche episodische Reflexion über Raum und Ort will auch eine weitreichendere Frage untersuchen: Wie lässt sich etwas Gestohlenes besitzen? Impliziert in diesem Paradox ist ein Unbehagen gegenüber dem Akt der Einnahme, der Macht des Eigentums und dem Anspruch auf Zugehörigkeit.

Der Film durchreist Wut, Trauer, Hoffnung und Widerstand und träumt doch von materiellen ökologischen Pfaden Indigenen Lebens fern der Handlungen und Logik der Siedler*innenbesatzung. Durch die Verknüpfung persönlicher Geschichte und nationaler Zukünfte sucht Selfish Road nach einer Ethik in und jenseits der Schönheit der Region.

Über den*die Künstler*in

Oreet Ashery ist bildende Künstler*in und arbeitet sowohl in etablierten Kunstinstitutionen als auch in gemeinschaftlich orientierten Kontexten. Mit Hilfe von Film, Fotografie, Performance, 2D und Textilien erzählt Ashery Geschichten von prekären Identitäten und verbindet Autoethnografie, kollektives Wissen und biopolitische Fiktion. Ashery wurde 2017 mit dem Jarman Film Award für Revisiting Genesis (2016) ausgezeichnet, eine Webserie, die hinterfragt, wie die Grenzen zwischen Sterben, Pflege und dem Selbst durch digitale Technologien beeinflusst werden. Im Jahr 2020 gewann Ashery ein Turner Prize Stipendium für die Ausstellung Misbehaving Bodies: Jo Spence und Oreet Ashery (2019), Wellcome Collection, London. Asherys Monografie How We Die Is How We Live Only More So (2019) wurde von Mousse veröffentlicht. Ashery ist Professor:in für zeitgenössische Kunst an der Ruskin School of Art der Universität Oxford.

Screening und Künstler*innengespräch mit Oreet Ashery und Mason Leaver-Yap

24 November 2022, 19 Uhr
Freier Eintritt
Anmeldung unter reservation@kw-berlin.de

Partner*innen

Oreet Ashery’s Selfish Road ist eine Auftragsarbeit der KW Institute of Contemporary Art, Berlin. Mit freundlicher Unterstützung durch den TORCH Knowledge Exchange Innovation Fund (The Oxford Research Centre in the Humanities) und durch den John Fell Fund (University of Oxford).